
Als erste Reha-Klinik Deutschlands setzt das Hegau-Jugendwerk Gailingen seit kurzem ein pädiatrisches Exoskelett in der Physiotherapie ein. Das außergewöhnliche Gerät unterstützt den Körper vom Rumpf bis zu den Füßen. Es verfügt über acht aktive Gelenke, welche die Funktion der menschlichen Muskulatur nachahmen, und lässt sich sowohl aktiv mit eigener Muskelkraft als auch passiv durch den Einsatz voreingestellter Gangmuster nutzen. Dadurch wird Patient*innen, die nicht eigenständig laufen können, das unterstützte, aufrechte Gehen ermöglicht.
Mit 60.000 Euro hat die Toni Kroos Stiftung das Hegau-Jugendwerk bei der Anschaffung des pädiatrischen Exoskeletts Atlas 2030 unterstützt. Dieses Modell ist das weltweit erste seiner Art, das speziell für Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren entwickelt wurde. Es wird therapeutisch bei jungen Menschen eingesetzt, die nicht selbstständig gehen oder stehen können.
Das Hegau-Jugendwerk Gailingen ist ein neurologisches Krankenhaus und Reha-Zentrum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die dort nach Hirnschädigungen, Unfällen oder aufgrund neurologischer Erkrankungen ganzheitlich behandelt werden. Größtmögliche Selbstständigkeit und Teilhabe sind erklärte Ziele dieser wertvollen Einrichtung. Das besondere Exoskelett eröffnet nun völlig neue Möglichkeiten in der Physiotherapie. Kinder, die sonst auf den Rollstuhl angewiesen sind, können damit deutlich mehr Schritte zurücklegen und längere Gehstrecken bewältigen als in jeder anderen Therapieform.
Als eines der ersten Kinder durfte Lean diese besondere Erfahrung machen. Der 6-Jährige war mit seinen Eltern schon vier Mal zur Reha im Hegau-Jugendwerk. Mittlerweile sind seine Eltern mit ihm wöchentlich zur ambulanten Therapie dort. Diesen Frühling, als das neue Exoskelett gerade ins Reha-Zentrum eingezogen war, drehte der kleine Mann seine ersten Runden. Im Rahmen der ambulanten Therapie läuft Lean inzwischen jede Woche 45 Minuten mit dem Exoskelett. „Er schaut manchmal an sich runter und beobachtet seine Füße, wie sie einige Schritte gehen. Wenn er dann nach oben blickt und zu mir rüber schaut, strahlt er im wahrsten Sinne des Wortes übers ganze Gesicht und auch ein kleines bisschen frech – so als wollte er sagen: Schaut, was ich kann“, beschreibt Leans Mutter die Therapieeinheiten mit dem Exoskelett. „Ich frage mich oft, wie es für ihn wohl sein muss, wenn es für mich schon so eine Bereicherung ist.“
Lean leidet unter Epilepsie und sehr starken Spastiken in den Armen und Beinen. Seine Körperspannung wechselt in hohem Maße und unvorhersehbar von komplett angespannt zu extrem schlaff. Dadurch ist Lean körperlich enorm eingeschränkt. Er kann zum Beispiel keinen Löffel halten oder sich im Bett selbstständig umdrehen. Er kann sich kein Buch anschauen oder allein etwas spielen. Lean kann weder krabbeln noch laufen. Im Hegau-Jugendwerk kam er das erste Mal in Kontakt mit dem Exoskelett. „Zuerst war er etwas überrascht, was da plötzlich los ist und wie er auf einmal laufen kann“, erzählt seine Mama von Leans ersten Schritten. „Inzwischen findet er es einfach nur cool. Ganz oft fordert er meine Hand ein, und wir gehen zusammen nebeneinander. Für manche mag das nichts wert sein, aber für mich, und ich glaube auch für Lean, ist das einfach das Größte.“
Aus therapeutischer Sicht sollen mit dem Exoskelett Leans Mobilität und seine Gelenkbeweglichkeit gefördert, seine Muskulatur gekräftigt und seine Spastiken reduziert werden. Aber das besondere Lauftraining steigert auch den Drang nach Bewegung, wirkt motivierend für die kleinen Patient*innen und zeigt neue Wege auf. Schließlich lernt das Gehirn durch Bewegung! „Durch die vielen, präzise wiederholten, physiologischen Bewegungsabläufe erhält das Gehirn in kurzer Zeit eine enorme Zahl an Impulsen“, erklärt Stefan Daub, Abteilungsleiter der Physio- und Sporttherapie im Hegau-Jugendwerk. „Dieses intensive Training unterstützt das motorische Lernen – vereinfacht gesagt das sogenannte Muskelgedächtnis. Es gibt Kinder, die mit dem Exoskelett aufgrund der Intensität innerhalb einer Therapieeinheit Fortschritte erzielen, für die sie mit intensiver konventioneller Physiotherapie unter Umständen deutlich mehr Behandlungseinheiten benötigen würden.“
Bei seinen Stunden im Exoskelett lernt auch Lean die richtige Abfolge kennen und spürt die Bewegungen – ganz im Gegensatz zu anderen Gehtrainern, mit denen der Kleine schon geübt hatte. „Wenn Lean in einem ‚normalen‘ Gehtrainer läuft, überkreuzen sich seine Beine. Er steht sich sozusagen auf den eigenen Füßen“, erklärt seine Mutter. „Beim Lyra-Gerät, einem anderen robotikgestützten Gangtrainer, läuft er auf der Stelle und hängt in der Luft. Die Füße berühren nicht den Boden. Im Exoskelett aber kann Lean durch die Turnhalle laufen, einen Ball ins Tor schießen und – was am allerbesten ist – im Aktivmodus sogar selbst aus eigener Kraft laufen.“ Mittlerweile hat der Kleine bereits einiges an Beinmuskulatur zugelegt. Dank der regelmäßigen Therapiestunden im Exoskelett läuft er auch schon deutlich flotter. Leans Gehirn kann viel schneller auf die Bewegungsabläufe zugreifen und diese umsetzen. „Und was am wichtigsten ist: Er hat einfach so viel Spaß am Laufen“, sagt seine Mama.
Leans Geschichte und positive Entwicklung verdeutlichen beispielhaft, warum sich das Hegau-Jugendwerk für diesen Weg entschieden hat, warum sich alle gemeinsam so sehr für diese Investition eingesetzt haben. Insgesamt 190.000 Euro hat das Exoskelett in der Anschaffung gekostet. Ermöglicht wurde dies durch den eigenen Förderverein HegauHelden e. V., durch ein Benefizkonzert, zahlreiche private Spenderinnen und Spender, Unternehmen und Vereine aus der Region sowie mithilfe diverser Stiftungen. Zuletzt fehlten noch 60.000 Euro, die wir mit der Toni Kroos Stiftung übernommen haben.
„Unsere jungen Rehabilitandinnen und Rehabilitanden stehen oft vor enormen Herausforderungen, die individuell abgestimmte und zugleich innovative therapeutische Ansätze notwendig machen. Im Hegau-Jugendwerk möchten wir ihnen deshalb auch neue Therapieformen zugänglich machen, wenn diese zusätzliche Chancen auf Entwicklung, Selbstständigkeit und Teilhabe eröffnen“, sagt Tanja Kranz, Leitung Marketing und Fundraising am Hegau-Jugendwerk. „Dass wir mit dem pädiatrischen Exoskelett nun eine solche Möglichkeit anbieten können, erfüllt uns mit großer Freude – und mit großer Dankbarkeit gegenüber der Toni Kroos Stiftung und allen, die dieses besondere Projekt möglich gemacht haben.“