
Das Evangelische Schulzentrum Martinschule ist eine ausgezeichnete Bildungseinrichtung in der Hansestadt Greifswald. Vollkommen zurecht wurde der Martinschule 2018 der Deutsche Schulpreis verliehen. Mit einem ganzheitlichen, inklusiven und reformpädagogischen Ansatz steht die Martinschule allen offen: Hier werden – von der 1. bis zur 12. Klasse – Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Kulturen, mit Begabungen aller Art, mit und ohne Handicap unterrichtet.
Die weltoffene Martinschule lebt und fördert das inklusive Lernen von Schüler*innen mit und ohne Beeinträchtigungen. Das Konzept wurde seit den 90er Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Seit dem Schuljahr 2011/2012 ist ein gemeinsames Lernen unterschiedlich begabter Schüler*innen über die Grundschulzeit und die Orientierungsstufe hinaus möglich.
Seit 2024 gehen hier auch Noah, Emil und Andria zur Schule. Drei Jungs im Alter von 7 bis 9 Jahren mit körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen, die aktuell die zweite Klasse besuchen. Einige Kinder mit besonderen Bedürfnissen erhalten an der Martinschule eine eigene Schulbegleitung, die ihren Schützling den gesamten Schultag über individuell betreut, fördert und unterstützt. „So können wir auf unsere Weise alles mitmachen, was die anderen Kinder auch tun“, erzählt Franziska, ausgebildete Kinderkrankenschwester und Kleinkindpädagogin. Seit fast zwölf Jahren ist sie an der Martinschule pädagogisch tätig.
Franziska ist die feste Bezugsperson von Andria. „Er ist ein sehr fröhliches, liebevolles und lustiges Kind“, berichtet sie. „Jeder Tag mit ihm ist wunderschön und erfüllend.“ Für Franziska ist ihr Job eine wahre Berufung. Mit viel Herz und Engagement unterstützt sie Andria während seines besonderen Schulalltags. „Das macht uns sehr viel Freude“, erzählt sie. „Manchmal ist es aber auch sehr anstrengend. Dann brauchen wir eine Pause und verbringen diese am liebsten in der Natur.“ Das Schulgebäude allerdings liegt mitten in einem Neubaugebiet. Grünflächen, Parks, Wasser sind hier nicht zu finden und leider auch fußläufig nicht erreichbar. Pausen vom Schulalltag und regelmäßige Erholungsphasen sind für Kinder mit Schwerstmehrfachbehinderung wie Noah, Emil und Andria jedoch essenziell. Sie müssen sich zwischendurch von den vielen Eindrücken des Schultags, aber auch aufgrund ihrer körperlichen Verfassung erholen können.
„Diese Erholung ist bei Andria oft notwendig. Nachdem ich vieles ausprobiert habe, bin ich immer wieder zu der Erkenntnis gekommen, dass die Natur nach wie vor eine heilende Wirkung auf Andrias Seele hat“, berichtet Franziska. Gleichzeitig bieten das Zwitschern der Vögel, ein Plätschern des Baches, die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut oder der pfeifende Wind eine wundervolle Möglichkeit, die Sinneswahrnehmung kognitiv beeinträchtigter Kinder bei Ausflügen in die Natur spielerisch zu fördern. Andrias Schulbegleiterin Franziska kam im letzten Frühling daher eine großartige Idee: Ein Rollstuhl-Transportrad würde ihr und Andria, aber auch seinen Klassenkameraden die nötige Mobilität verleihen, um von der Martinschule aus in kürzester Zeit in die Natur einzutauchen.
Im Mai 2025 hatte sich Franziska mit einem liebevoll-herzlichen Anschreiben bei uns gemeldet und die mögliche Finanzierung eines Rolli-Transportfahrrads erfragt. Knapp über 11.000 Euro sollte das von ihr auserwählte und getestete Modell kosten, das wir für die Martinschule und im Speziellen für Franziska und Andria von Herzen gern finanziert haben. Seit Ende Juli ist das Rolli-Transportrad nun fester Bestandteil in Andrias Schulalltag. Der nächstgelegene Park, ein Naturschutzgebiet, der Tierpark und sogar der Greifswalder Bodden sind für ihn und seine Schulbegleiterin seitdem nur noch ein paar Rad-Fahrminuten entfernt.
„Andria liebt das neue Fahrrad“, erzählt uns Franziska überglücklich. Mindestens dreimal pro Woche sind sie beiden damit unterwegs. „Manchmal sogar jeden Tag – egal, ob Sonne, Regen oder Wind!“ Andria und Franziska nutzen das Rolli-Transportrad auch für Fahrten zum Therapieschwimmen, zu Gottesdiensten, zu Ausflugszielen der Klasse oder zu Kürbis. „Das ist mein italienischer Wasserhund, den ich gerade zum Schulhund ausbilde“, erklärt Franziska. „Wir besuchen ihn, gehen mit ihm spazieren und trainieren fleißig.“ Das neue Fahrrad hat Andria viel Freiheit und unendlich viele neue Möglichkeiten geschenkt. Jeder Schultag wird dadurch noch wertvoller für ihn und kehrt auch so manch schlechten Morgen kurzerhand ins Positive um. „Spätestens beim Überfahren eines Huckels gehen Andrias Mundwinkel nach oben“, erzählt Franziska.
Selbstverständlich wird das nun schuleigene, wunderbare Rollstuhl-Fahrrad nicht nur von Andria und Franziska, sondern auch von ihren Kolleg*innen mit anderen Kids genutzt. „Wir konnten damit beispielsweise einem Schüler die Teilnahme an der Fahrradprüfung ermöglichen. Das war großartig“, berichtet Franziska.